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Die Pflaumbaumlaube

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Wie ich manipulatives Schreiben lernte

(veröffentlicht am 15.08.2018)

Christiane mit Jeansweste aus dem Westen
Christiane mit Jeansweste aus dem Westen | Foto: Walter Schenke

Es gibt ja eine ganze Menge Arten zu schreiben: reflektierendes Schreiben, kreatives Schreiben, biografisches Schreiben, analytisches Schreiben, wissenschaftliches Schreiben und vieles mehr. Ich war als Kind eine Meisterin im manipulativen Schreiben. Und das kam so:

In unserer 6-köpfigen Familie herrschte Mangel. Nein, nicht ein Mangel an Liebe und Zuwendung, davon gab es zum Glück genug. Aber ein handfester Mangel an chicen, modischen Klamotten!

Das lag nicht nur am knappen Diakonengehalt meines Vaters, es lag auch an der DDR im Allgemeinen. Gab es doch nur Ersatzstoffe: Wisent-Jeans aus der Jugendmode sollten darüber hinwegtrösten, dass wir keine Levis oder Wrangler kaufen konnten. Also war Kreativität gefragt. Kreativität im Briefeschreiben. Nach dem Westen natürlich.

Wir hatten kaum Verwandte, aber einige hilfsbereite Bekannte. Darunter eine liebe Lehrerin und eine charismatische Kneipenwirtin. Diese versorgten uns gelegentlich mit Sachen, die sie für uns gesammelt hatten. Mir oblag die Korrespondenz. Ich schrieb überschwängliche Dankesbriefe; ach, was sage ich, Hymnen sang ich auf die Kleider und die Spender.

Diese Briefe verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Lehrerin las meinen Brief in ihrer Schulklasse vor. Die Schüler interessierte wohl das Mädchen aus der DDR, was aus ihrem Alltag berichtete und Briefe von der ganzen Schulklasse gingen ein. Und unaufhörlich tropften die Kleiderspenden ins Haus.

Auf unerwartete Weise aber kam ich einige Zeit später zu einem traumhaften Klamottensegen. Und das kam so: Damals lief die Jugendserie „Krempoli“ im Westfernsehen. Wir waren hin und weg und schauten alle Folgen. Als es vorbei war, war ich untröstlich. Ich konnte mich von den liebgewonnenen Schauspielern nicht trennen. So kam ich auf die Idee, an den Bayrischen Rundfunk zu schreiben und um Korrespondenz mit den Schauspielern zu bitten. Das ging natürlich nicht direkt. Der Brief musste in den Westen geschmuggelt werden – er ging zunächst in einem Umschlag an die Kneipenwirtin, die ihn dann an den Bayrischen Rundfunk weiterschickte. Mein sorgsam ausgearbeiteter Plan ging auf. Der Brief des Mädchen aus der DDR war wohl so was Exotisches, dass er den Schauspielern prompt ausgehändigt wurde. Und ich unterhielt über Jahre zwei Brieffreundschaften mit den Krempoli-Stars, die eigentlich ganz normale, nette Mädchen waren.

Irgendwann kam in den Briefen die Klamottenfrage zur Sprache und ich zog vom Leder und beschrieb den Mangel in der DDR auf dramatischste Weise. Fortan bekam ich die coolsten Klamotten, von denen ich mir niemals zu Träumen gewagt hätte. Die Klamotten einer Schauspielerin, eines Fernsehstars! Ich konnte nun nicht nur den Eigenbedarf decken, sondern auch noch meine Schwester und Freundinnen versorgen.

Meine Lieblinkgsklamotten waren:

Auch wenn ich keine Fotos mehr von diesen Teilen haben würde, so könnte ich mich dennoch ganz genau an sie erinnern.

Übrigens, das UNgeliebteste, weil leider UNcoolste Teil, was je aus einem Paket kam, war nicht aus dem Westen, aber kam aus dem Herzen und Händen meiner Patentante: Ein weißer Strickmantel, eigens für mich gefertigt. Dieser Mantel bekam nur einen knappen, einsilbigen Dank: „Liebe Tante Edeltraud, danke für den Mantel. Ich hatte ihn schon an. Er war sehr warm.“ Das war alles. Ich trug ihn nur einmal.

Christiane im Strickmantel

Meine Schwester Anne-Barbara, mein Bruder Gert und rechts ich im weißen Strickmantel. Leider fand ich ihn uncool (obwohl es das Wort damals noch nicht gab). Schade, dass ich ihn nur einmal getragen habe. Heute finde ich ihn chic und leiste innerlich Abbitte bei meiner verstorbenen Patentante, dass ich ihr Werk und ihre viele Mühe damals nicht ausreichend gewürdigt habe!


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