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Die Pflaumbaumlaube

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Ideologisches Schubladen-Denken - vom Klassenbewußtsein in der DDR

(veröffentlicht am 19.01.2016)

Schubladendenken
Schubladendenken | © fottoo fotolia.de

Ich hatte eine DDR-Kindheit. Aber das war noch nicht alles. Ich hatte eine DDR-Kirchen-Kindheit. Es gab in der DDR einige grundlegende ideologische Schubladen. Zu wissen, in welche Schublade man gehörte, war Klassenbewußtsein.

Im Arbeiter- und Bauernstaat war es das Beste, ein Arbeiter oder Bauer zu sein. Doch wohin mit den Anderen?

Wir lernten, dass die Arbeiterklasse die Gesellschaftsschicht war, von der alles abhing. Das bedeutete, nur Arbeiter und Bauern und deren Kinder (die sogenannten Arbeiter- und Bauernkinder) konnten die Gesellschaft ändern, indem sie Revolutionen machten und die herrschende Klasse der Kapitalisten ablösten. Folglich waren sie mehr wert als die sogenannten Intelligenzkinder, zum Beispiel die Kinder von Lehrern und Ingenieuren. Und die Kirchenkinder? Die durfte es eigentlich gar nicht geben. Die gehörten ja nicht mal zur Klasse der Intellienz, die waren suspekt und mußten argwöhnisch beobachtet werden. Deshalb hielt ich es für das Beste, gar nicht erst aufzufallen.

Weltanschauung als Fortschrittsdenken

Als ich 1968 in die Schule kam, merkte ich schnell, welches Image die Weltanschauung vermittelte. Staat (Fernsehen, Zeitungen, Lehrer) bemühten sich, der sogenannten materialistischen Weltanschauung (siehe dazu auch den nächsten Abschnitt) ein positives Image zu geben. Es  gab im privaten Sprachgebrauch die  Redewendung "Der ist ein ganz Fortschrittlicher", zum Beispiel für Parteigenossen. Je mehr die DDR in die Jahre kam, wurde diese Verknüpfung von Weltanschauung und Fortschritt zunehmend zur Farce. Offenbar war es nicht gelungen, zu überholen ohne einzuholen. Die "Fortschrittlichen" wurden im privaten Sprachgebrauch zu den "roten Socken". Aber in meinen ersten Schuljahren spürte ich noch das positive Image, was einem die offiziell richtige Weltanschauung gab. Wenn man DAFÜR war, war man fortschrittlich. Wenn man NICHT dafür war, wurde unterstellt, dass man DAGEGEN war und zwangsläufig RÜCKSCHRITTLICH sein MUSSTE. Und man wurde schnell mal der Lächerlichkeit preisgegeben.

Ich vermied es, wann immer es ging, in solche Situationen verwickelt zu werden. Ich verhielt mich unauffällig wie eine graue Maus. Und war ich über jede Unterrichtsstunde froh, in der das Thema „Berufe der Eltern“ nicht zur Sprache kam. Besonders gern wäre ich im Russischunterricht im Mauseloch verschwunden. Gab es doch nicht mal eine Vokabel für den kirchlichen Beruf meines Vaters, dem Diakon. Wäre er doch bloß Kranowtschik gewesen! Mit einem Kranfahrer wäre im DDR-Staat Staat zu machen gewesen. Aber Diakon, was soll denn das bitte schön sein? Ist das nicht was mit Kirche? Und schon hatte ich mich wieder als rückschrittlicher Klassenfeind geoutet. Selbst wenn keiner was dazu sagte, ich schämte mich.

Die materialistische und die idealistische Weltanschauung

Was die Weltanschauung betraf, war es in der DDR also ganz einach. Es gab laut Karl Marx nur ZWEI einander widersprechende Weltanschauungen: die materialistische und die idealistische. Die erste Schublade beherbergte die Guten, die Arbeiter und Bauern und deren Kinder. Die zweite Schublade war für die ewig Gestrigen, die den Fortschritt der Gesellschaft und der Wissenschaft nicht begriffen. Christen waren ganz klar Vertreter der idealistischen Weltanschauung. In diese Schublade hatte ich mich möglichst freiwillig zu begeben.

Doch das tat ich nicht. Als die Staatsbürgerkundelehrerin in der 9. Klasse herausfordernd fragte, wer denn von uns Schülern die idealistische Weltanschauung vertreten würde, meldeten sich ein paar Jungs, die zu meinem Vater in die Junge Gemeinde gingen. Sie stupsten mich an: "Du musst Dich auch melden, Du bist doch kirchlich!" Ich meldete mich nicht. In meinem Innern regte sich Widerstand. Ein Widerstand gegen Schubladen, die sich irgendjemand ausgedacht hatte und in die ich jetzt freiwillig zu steigen hatte. Meine Klassenkameraden verstanden das nicht, wahrscheinlich hielten sie mich für eine feige Verräterin.

Das sozialistische und das kapitalistische Weltsystem

Aber es gab noch mehr Schubladen. Es gab das sozialistische Weltsystem, in dem wir die Ehre hatten zu leben. Und es gab das kapitalistische Weltsystem. Dazu gehörte die Bundesrepublik, in der die Arbeiter und Bauern nicht geachtet, sondern ausgebeutet wurden. Trotzdem hatten sie Farbfernseher, Kaugummi und Luftschokolade und konnten nach Spanien fahren. Das meinte Karl Marx wohl mit Dialektik. Doch eher bekam man einen Knoten ins Hirn, als das zu verstehen. Und selbst wenn man sich bemüht hätte, hätte man sich mit Selber-Denken und Frei-Formulieren sowieso aufs Glatteis begeben. Deshalb ließ man das lieber und lernte die gewünschten Phrasen für den Unterricht auswendig.

Meine Brieffreundin aus Duisburg lud mich ein, an einem Ausflug mit ihrer Familie nach Holland teilzunehmen. Ich schrieb zurück: "Weißt du denn nicht, dass wir nicht ins kapitalistischen Weltsystem reisen dürfen?". Sie antwortete mit einer Gegenfrage: "Was ist denn ein kapitalistisches Weltsystem?". Mir wurde bewußt, dass unsere Schubladen nicht auf der ganzen Welt zur Allgemeinbildung gehörten.

Phrasen herunterleiern – ohne Gewissenskonflikte

Das Ganze fand im Studium an der Burg Giebichenstein, kurz vor der Wende, seinen Abschluß, in der mündlichen Prüfung im Fach Marxismus-Leninismus (ML). Aus meiner Akte kannte die Dozentin den Beruf meines Vaters – suspekt, suspekt... Sie meinte es gut und bat die Prüfungskommission vorsorglich, mich bitte schön NICHT zur idealistischen Weltanschauung zu befragen. Vermutlich befürchtete sie, dass mich das in Gewissenskonflikte bringen würde. Ich sagte, sie könnten mich alles fragen, denn das Herunterleiern der gewünschten Phrasen hätte mir nichts ausgemacht. Sie verstand nun gar nichts mehr und rief mir wütend zu: “Na, SIND Sie es nun oder sind Sie es NICHT?“.  Was bedeutete: "Du Idealist, weißt Du denn immer noch nicht, in welche Schublade Du gehörst?"


Ein paar Beispiele...

Was waren das denn nun für Phrasen, die wir auswendig gelernt haben? Sag bloss, Du hast das schon vergessen. Ich geb Dir mal ein paar Stichpunkte:

Na, macht es bei Dir Klick? Nein? Dann bist Du nicht in der DDR aufgewachsen. Willst Du es trotzdem wissen? Dann schau hier: "Dialektischer Materialismus'.


Eine Hymne besingt die gestaltenden Kräfte der Gesellschaft

https://youtu.be/1WnKrr4jTi4

Im Lied "Hammer und Zirkel im Ährenkranz" (Symbol in der DDR-Fahne) vereinen sich Arbeiter, Bauern und Intelligenz. Der Hammer steht für die Arbeiterklasse, der Zirkel für die Intelligenz (Ingenieure) und der Ährenkranz für die Bauern. Die Kirche kommt in dieser Vision vom "Morgen unserer Zeit" natürlich nicht vor. Als hätte man geahnt, dass die Kirche 1989 ihre Räume öffnen wird für die friedliche Revolution.

 


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