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Die Pflaumbaumlaube

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Das Eis-Trauma

(veröffentlicht am 30.01.2015)

Eis essen - Therapie gegen das Eistrauma
Eis essen - Therapie gegen das Eistrauma |

Ich habe ein frühkindliches Eis-Trauma, gegen das ich mein Leben lang ankämpfe. Zum Beispiel hier, auf dem Foto, in der besten Eisdiele Kopenhagens „Ismageriet“, die wir letzten Sommer im Urlaub gezielt angesteuert haben, nachdem ich den appetitmachenden Blogeintrag von Meike Winnemuth gelesen hatte.

Fakt ist eins, ich LIEBE Eis. Und ich kann, ja ich MUSS große Mengen davon verdrücken. WARUM? Die Ursachen liegen in meiner Kindheit, im Eisladen von Frau Menke. Keine Ahnung, wie alt Frau Menke war zu der Zeit, als ich meine ersten Erinnerungen an sie und ihren Eisladen in der Leipziger Straße in Bad Dürrenberg tief in meinem Unterbewußtsein abgespeichert habe. Eine kleine, ältliche Frau mit dicken (bindenumwickelten?) Beinen, in einem weißen Kittel. Der Geruch nach Waffeln, wenn man den Laden betrat. Im Verkaufsraum gab es große Thermosbehälter mit den zu DDR-Zeiten typischen 3 Sorten Eis: Vanille, Erdbeer, Schokolade. Und im Hintergrund gab es den Raum, in dem Maschinen in großen Kesseln das Eis rührten. Man hörte die Geräusche und konnte mit einem vorsichtigen Blick das geheimnisvolle Vorgehen erhaschen. Frau Menke trug auf einem riesigen Holzspatel rücklings auf der Schulter das Eis - mal weiß, mal rosa, mal hellbraun - von dem Raum mit den Maschinen in den Verkaufsraum hinüber und strich die Masse in die Thermosbehälter. Fasziniert beobachteten wir Kinder das Geschehen.

Ach, wenn die Eltern doch öfter Eis spendiert hätten! In meiner Erinnerung herrscht ein schmerzhafter Eismangel und eine unstillbare Eissehnsucht. Wenn wir auch nur in die Nähe des Ladens von Frau Menke kamen, schoß die die unausgesprochene Hoffnung hoch, die Eltern würden ein Eis spendieren. Ja, wir Kinder haben damals nicht laut gequengelt, sondern still gehofft! Eine Kugel Eis kostete 10 Pfennig. Meine Eltern hatten wenig Geld und das durfte nicht „zum Fenster hinausgeworfen werden“. Gab es doch bei der großen Familie mit vier Kindern jede Menge Lebensnotwendiges mit dem wenigen Geld zu bestreiten.

Stimmt meine Erinnerung, dass wir nur eine halbe Kugel Eis (für 5 Pfennig) bekamen? Meine Eltern können sich nicht mehr daran erinnern.

Heute kann ich Eis essen, WANN und SOVIEL ich will. Und davon mache ich JEDE MENGE Gebrauch. Ich kann Menschen nicht verstehen, die sagen, ihnen sei es zu kalt zum Eis essen oder die nicht mal im Sommer Appetit auf Eis haben.

Daß es noch mehr Menschen mit Eis-Trauma gibt, weiß ich seit meiner Tätigkeit in der Hautklinik. Es gab da eine Kollegin, Schwester Renate, die mußte immer mindestens 9 Kugeln Eis essen. Weil sie als Kind zu wenig davon bekommen hatte. Mir leuchtete das ein.

Also an alle Gleichgesinnte, GENIESST Euer Eis! Eben, es ist 23.30 Uhr, war ich bei EDEKA (hat die ganze Nacht offen) und habe eine Packung Eis gekauft und zusammen mit Winfried verdrückt. Es gibt keine Jahres- und Tageszeit, die ungeeignet zum Eisessen wäre. Für Menschen mit EIS-TRAUMA.


Übrigens: Noch mehr Grund, ein Eis-Trauma zu entwickeln, hätte Tizinao Terzani gehabt. Er schreibt nämlich in einem seiner Bücher, dass eine Sonntagsbeschäftigung seiner Eltern war, mit ihm, als er ein kleiner Junge war, in die Stadt zu fahren, um den reichen Menschen beim Eisessen ZUZUSEHEN!


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