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Die Pflaumbaumlaube

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Bitte schütteln, aber BLOSS nicht in den Regen kommen: VON MEINER WILDEN HEIMFRISEUR-KARRIERE

(veröffentlicht am 07.01.2016)

Mit roten Haaren im grünen Gras
Mit roten Haaren im grünen Gras |

Schon als kleines Mädchen schnitt ich den Grasbüscheln im Hof Frisuren.

Im Jugendalter ergab sich ein unerwartetes Betätigungsfeld auf den Köpfen junger Männer, die den Dienst an der Waffe mit Kurzhaarschnitt anzutreten hatten und denen sowieso alles egal war. Kurz und gut, sie ließen mich an ihre Mähnen, die eh dem Untergang geweiht waren, und ich konnte üben. Ihr schlagendes Argument war: Beim Eintritt in die Kaserne würde das sowieso alles gnadenlos kurz und klein geschnitten werden und das würde dann bestimmt noch viel schlimmer aussehen als mein beherzt ausgeführter Endzeitschnitt, der symbolisch  das Ende ihres zivilen Lebens, all ihrer individualität und Selbstbestimmung einläutete. Und das wenigstens selbstbestimmt.

Meine Mutter hat ebenfalls einen Anteil an meiner juvenilen Haarschneidekarriere. Schüttelfrisuren waren in den 70ern der letzte Schrei, wie Mireille Mathieu sie bekannt gemacht hat. So eine Frisur wollte sie auch! Paßte sie doch ganz hervorragend zu den geblümten Papierkleidern und den Präsent-20-Hosenanzügen, die damals modern waren. Das Ganze hatte nur einen Haken: Die Schüttelfrisur mußte ca. alle vier Wochen nachgeschnitten werden und das ließ unser familiärer Geldbeutel nicht zu. So bekam ich von ihr den offiziellen Auftrag zur Industriespionage – sie nahm mich mit zum Friseur und ich hatte der Friseuse jeden Handgriff abzuschauen. Durch regelmäßiges Üben schulte ich fortan diese Kunst.

Mit den Jahren vergrößerte sich mein Kundenkreis für die Schüttelfrisur. Weitere feste Kundinnen waren die Internatsleiterin in der Ausbildung und meine spätere Schwiegermutter. Beide machten mich über Jahre zu ihrer Hausfriseuse.

Da ich nun so geübt war, machte ich vor meinem eigenen Haupt nicht Halt. Ich schnitt und färbte drauflos und experimentierte mit allen erhältlichen Chemikalien aus der DDR-Konsumgüterproduktion. Selbst die Farbstoffe aus der Hautklinik, meinem damaligen Arbeitsplatz, waren vor meinen Experimenten nicht sicher. Was gut war gegen Pilze und Bakterien, konnte nicht schlecht sein für die Haare! Rotleuchtendes Mercurochrom, kühl changierendes Brillantgrün und tiefviolettes Kaliumpermanganat erzeugten punkartige Coolness, wenn man sie strähnchenweise auf vorher blondiertes Haar auftrug. Man konnte damit wunderbar auf Parties gehen (die damals noch Feten und Disco hießen), man durfte unterwegs lediglich nicht in den Regen kommen.

In den Regen kommen durfte man auch nicht mit der Heimkaltwelle, wollte man nicht ungewollt zu Angela Davis mutieren, der krausmähnigen US-amerikanischen Bürgerrechtlerin, deren Foto uns aus der Schule bekannt war. Denn durch Wasserwellen plusterte sich die Kaltwellenkunst unversehens zu einem zuckerwatteförmigen, unbezähmbaren Heiligenschein auf. Umgangssprachlich sagte man damals wohl deshalb auch "Krause" zur Kaltwelle.

Die folgenden zwei selbst zugefügten Eigenhaarsünden stütze ich mit der Heimkaltwelle ab:

  1. ... den zottelig-gelockten Orang-Utan-Pony zur ansonstem glatten Langhaarfrisur: Ein überraschender Effekt! Die Idee dazu lieferte meine Krankenschwestern-Kollegin. Wir trugen fortan die gleiche Frisur und wurden von den Patienten nun ständig verwechselt. Wahrscheinlich dachten sie, so eine eigenwillige Frisur kann es doch wohl nicht zweimal geben! (Abbildung 1)
  2. ...die Atompilz-Frisur mit explodierender Heimkaltwelle am Oberkopf und Fassonschnitt am Hinterkopf, mutig selbst ausgeführt. Diese Frisur halte ich aus heutiger Sicht eindeutig für die größere Sünde. Eine Bemerkung meines Schwagers hätte mir zu denken geben müssen; er kommentierte die Frisur knapp mit “Wem's steht!". (Abbildung 2)

Zwei Eigenhaarsünden

Darüber hinaus trug ich nicht nur lange, dunkle Haare, sondern zeitweise kurze, rote Haare (Abbildung oben). Da war der Trick, den Haaren erst durch Blondiercreme den Farbstoff zu entziehen, bis sie fast weiß waren und darauf tönende Haarwäsche in Mahagoni aufzubringen. An Mut und Kreativität ließ ich es wahrlich nicht fehlen!

Meine Haarschneidekunst war so gefragt, dass meine Kundinnen zu jedem Opfer bereit waren. Das krasseste Beispiel dafür lieferte meine Thüringer Freundin: Sie bestand darauf, dass ich ihr die Haare noch vor meiner nahenden Abfahrt schnitt. Mangels besserer Gelegenheit vollbrachte ich das Werk – auf ihren ausdrücklichen Wunsch – während einer Disco im Halbdunkel der Toilette des Meininger Volkshauses, in halb alkoholisierten Zustand und mit einer Nagelschere aus der Kosmetiktasche.

Übrigens, die Schüttelfrisur kriege ich bestimmt heute noch hin, falls jemand Mut hat! Wem's steht...


Nachtrag:

Ich kann mich nur an eine einzige Panne in meiner Haarschneidekarriere erinnern, ausgerechnet bei meinen kleinen Sohn Victor. Ich hatte ihm mit einer Maschine die Haare geschnitten und  mein Handwerkszeug schon sauber wieder weggeräumt, als ich noch ein klitzekleines Härchen entdeckte, was aus der Reihe tanzte. Verdammter Perfektionismus!

Ich holte also die Maschine wieder aus dem Schrank und setzte sie frohgemut auf das Härchen an. Aber welch Schreck! Sie entfernte nicht nur das Härchen, sondern fräste sauber einen handtellergroßen Streifen Haare raus – bis auf die Kopfhaut! Ich hatte vergessen, dass ich die Maschine beim Wegräumen schon wieder auf 0 mm zurückgestellt hatte. Er musste nun so in den Kindergarten gehen. Zum Glück sind kleine Jungs nicht so eitel...


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