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Die Pflaumbaumlaube

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Botschaften entschlüsseln: Wie mir die Bewohner eines Pflegeheims ans Herz wachsen

(veröffentlicht am 31.05.2016)

Seit einigen Wochen besuche ich einen Freund der Familie im Heim. Und heute stelle ich fest, dass die Senioren dort langsam beginnen, mir ans Herz zu wachsen.

Das kenne ich aus der Zeit, als ich mehrere Jahre lang monatlich meine Patentante in Teltow im Heim besucht hatte. Nachdem sie gestorben war, war ich regelrecht traurig darüber, dass ich die Bewohner ihrer Einrichtung nun nicht mehr sehen würde.

Da war die Hundertzweijährige mit der knarrenden Stimme, die uns beim Rummikub besiegt hatte.

Oder die beiden Tischnachbarinnen, die immer darauf hinwiesen, dass sie früher das Essen selbstverständlich GAAANZ anders gekocht hätten und die den Kuchen, der am Tisch übrig war, einem dementen Herrn am Nachbartisch anboten, da es doch schade sei, ihn wegzuwerfen. Dieser nahm ihn gern und bedankte sich für die Fürsorge und Aufmerksamkeit. Wieviel Stückchen Kuchen er schon gegessen hatte, wußte er wahrscheinlich nicht mehr.

Heute nun diese Szene im Aufenthaltsraum:

Die Damen und Herren sitzen an den Kaffeetischen, einige davon dement. Einige mit diesen großen Lätzchen für Erwachsene, die die ganze Vorderfront abdecken.

Da ist der stille Herr, der nie einen Mucks sagt, aber kürzlich beim gemeinsamen Singen beim allerletzten Lied auf einmal mit eingestimmt ist.

Und die Dame mit dem vorgeneigten Kopf, meist still, aber dann plötzlich mit lauter Stimme Grundrechenoperationen in die Runde werfend. „Wieviel ist 9 mal 9?“ Da keiner antwortet, rufe ich „81!“. Ohne den Kopf anzuheben oder zu mir zu schauen, quittiert sie mit „Richtig!“.

Die kleine zusammengesackte Dame, die in einem speziellen orthopädischen Stuhl sitzen muss und die mich für einen Arzt hält. „Kommen Sie doch mal zu mir rüber und sagen sie mir mal, was mit mir ist. Früher war doch alles ganz anders. Selbst das hier (sie weist auf die Kaffeetasse) schmeckt nicht, das war früher Bier. Gibt es hier kein Bier?“ Ich kann sie verstehen. Sie fühlt wohl, dass sie früher ein anderes Lebensgefühl hatte und wüßte gern, ob das wiederkommt.

Die rechnende Dame quittiert den Satz „Das war alles früher anders!“ laut mit „Richtig!“! 

„Setz dich doch mal gerade in deinen Stuhl, dass du nicht rausfällst“, sorgt sich eine Dame, die strahlend blaue Augen hat, um die Zusammengesackt-Im-Stuhl-Sitzende. Diese Dame ist nicht dement. Sie beginnt ein Gespräch mit mir: „Ist das nicht ein Chaos hier bei uns?“. „Ja, aber ein geordnetes Chaos!“, antworte ich. Das meine ich ernst, denn immerhin hat jeder hier sein / ihr eigenes Thema. Es sind Monologe, die ab und zu Brücken zu den anderen schlagen. „Da haben Sie recht!“ stimmt sie mir zu.

Szenenwechsel:

Ich schiebe den Freund im Rollstuhl zur Tür raus ins Freie. Da er sich immer für mein Auto interessiert, zeige ich ihm die Parkbucht, wo ich es abgestellt habe. An der Tür des Heimes sitzt ein Herr im Rollstuhl, der uns beobachtet. Er ruft laut und unverständlich in unsere Richtung. Ob er auch dement ist? Was will er von uns? Plötzlich verstehe ich das Wort „Schild“ und dass er nach oben zeigt. Dann reibt er Daumen und Zeigefinger aneinander, das Zeichen für Geld. Und plötzlich verstehe ich, dass er eine Botschaft für mich hat. Ich stehe auf dem Behindertenparkplatz! Das hatte ich gar nicht gesehen in meiner Freude, einen freien Parkplatz gefunden zu haben! Er freut sich sichtlich, als ich mich bedanke und winkt noch in die Richtung, wo er freie Parkplätze vermutet. Merke: Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Höre den alten Leuten aufmerksam zu!  


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